Interview zu „Mein nächster Beruf"

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"Können Sie sich vorstellen, Ihre derzeitige Tätigkeit bis zur gesetzlichen Rente auszuüben?" lautete eine Frage im iga-Barometer 2007. Auf diese Frage antwortete die Hälfte der Beschäftigten, dass dies für sie nicht vorstellbar ist. Insbesondere in Berufen mit hohen körperlichen und psychischen Belastungen ist das Risiko groß, in diesem Beruf nicht bis zum Rentenalter tätig sein zu können.

Wie die Beschäftigungsfähigkeit länger erhalten werden kann, erforscht iga u.a. im Projekt "Mein nächster Beruf" - Personalentwicklung und Arbeitsgestaltung für Berufe mit begrenzter Tätigkeitsdauer. Dabei verfolgt das Projekt zwei miteinander verbundenen Fragestellungen:

  • Welche Wege gibt es, um die Verweildauer im Beruf zu verlängern?
  • Und wie schafft man es, erfolgreich die Tätigkeit oder den Beruf zu wechseln, wenn absehbar ist, dass der Beruf trotz Präventionsmaßnahmen nicht bis zum Rentenalter ausgeübt werden kann?

Insbesondere mit der zweiten Frage wird ein innovativer Ansatz ergänzend zu etablierten Präventionsansätzen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit entwickelt.

 

Interview:

Gespräch mit Dr. Hans-Peter Justen, der lange Zeit die Direktion Straßenbau Köln der STRABAG AG in den Bereichen Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Projektentwicklung begleitet hat.

 

Herr Dr. Justen, wie sind Sie auf das Projekt "Mein nächster Beruf" - Personalentwicklung und Arbeitsgestaltung für Berufe mit begrenzter Tätigkeitsdauer aufmerksam geworden?

Vor zwei Jahren hörte ich einen Vortrag von Frau Dr. Jahn (Projektmanagerin des IAG und Vertreterin der DGUV in der iga – Initiative Gesundheit und Arbeit) auf der A+A in Düsseldorf, in dem sie ein Modellprojekt vorstellte, dass sich mit erfolgreichen Wechseln aus dem Bereich der stationären Krankenpflege in andere Tätigkeits- und Berufsfelder beschäftigt. Ich kam mit ihr ins Gespräch und schlug ihr vor, ein ähnliches Pilot-Projekt in der Bauindustrie durchzuführen.

 

Sie haben dann über Frau Dr. Jahn Kontakt zur Initiative Gesundheit und Arbeit aufgenommen und Frau Dr. Jahn und mich gebeten, das Projekt in der Direktion Straßenbau Köln der STRABAG AG vorzustellen. Welche Erwartungen haben Sie mit dem Projekt verbunden, das u.a. der Frage nachgeht, wie die Verweildauer im Beruf des Straßen- und Tiefbauers verlängert werden bzw. wie ein erfolgreicher Tätigkeits- oder Berufswechsel gelingen kann?

Die Arbeit auf dem Bau ist trotz vieler technischer Entwicklungen nach wie vor hart: Es muss bei Wind und Wetter gearbeitet werden. Die körperliche Belastung der Beschäftigten ist hoch. Deshalb treten vor allem bei über 50-Jährigen Langzeiterkrankungen auf, die sowohl für die Betroffenen als auch für die Unternehmen eine große Belastung darstellen. Wenn es tatsächlich gelingen würde, in einigen Fällen Langzeiterkrankungen zu vermeiden oder eine zufriedenstellende Lösung der Weiterbeschäftigung im Unternehmen zu finden, so wäre das ein wertvolle Hilfe.

 

Der Direktionsleiter hat einer Zusammenarbeit zugestimmt. Sie haben die Projektarbeit maßgeblich begleitet. Was ist aus Ihren Erwartungen geworden?

Das Projekt hat zunächst noch keine konkreten Lösungen gebracht. Aber vor der Lösung steht ja auch erst einmal die Analyse des Problems. Sie haben durch die systematische Befragungen der Beschäftigten über 50 einige Einflussfaktoren ermittelt, die zu einem "gesunden Arbeiten" bis zur Rente beitragen. Dazu gehören sowohl Umstände, die im persönlichen Einflussbereich der Beschäftigten liegen, wie Sport und Erholung in der Freizeit oder rückengerechtes Verhalten während der Arbeit, als auch Umstände, die im Einflussbereich des Unternehmens liegen, wie Führungsverhalten, Schulungsprogramme und technische Verbesserungen. Es sind im Grunde alles Dinge, die man schon kannte, aber die Analyse von Ihnen hat die Situation in geeigneter Weise beschrieben und auf den Punkt gebracht.

Weniger konkret waren die Ergebnisse bzgl. der Möglichkeiten eines Berufswechsels für Langzeiterkrankte, da die Möglichkeiten hier offensichtlich nur sehr eingeschränkt gegeben sind.

 

Wie haben Sie die Projektarbeit erlebt? Was lief gut? Was hätten Sie sich anders gewünscht?

Das Projekt lief bisher uneingeschränkt gut. Die entscheidende Frage ist jetzt, ob der gemachte Anfang genutzt wird, um daraus konkrete Ergebnisse zu erzielen. Das hängt von vielen Faktoren ab, vom Unternehmen, von den Beschäftigten und von der weiteren externen Unterstützung.

 

Wie wird es nun weiter gehen?

Im Ergebnis der Analysen wurden für die Direktion konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet, die sich u.a.

  • auf die stärkere Integration von Arbeits- und Gesundheitsschutz in die berufspraktische Ausbildung,
  • die Stärkung der Führungskompetenzen von Schachtmeistern, insbesondere in Hinblick auf die Durchsetzung von Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und die Arbeitseinsatzplanung entsprechend der aktuellen individuellen Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten sowie
  • die Implementierung eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements, das auch eine rechtzeitige Weichenstellung für die Qualifizierung für einen Tätigkeits- oder einen Berufswechsel ermöglicht,

beziehen. Die Direktion möchte diese Empfehlungen mit externer Unterstützung schrittweise umsetzen.

Das Gespräch führte Dr. Sabine Ulbricht, Personal- und Organisationsentwicklung für den wirtschaftlichen Wandel.

[Quelle: Initiative Gesundheit und Arbeit (iga)]